KLIMANEWS

Ein Umweltphysiker/ Geowissenschaftler im Klimawandel

Klimaaufklärer/ -kommunikator Dr. Christian Gutsche (Physiker & Aktivist bei Solidarstrom & Attac Bremen) im Faktencheck!

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Es gibt ein Sprichwort, das lautet, wo ein Klimaaktivist ist, da ist es mit der Wahrheit nicht weit her. Leider habe ich diese Erfahrung auch mit Solidarstrom Bremen und dem Klimabündnis Bremen machen müssen. Bereits im Frühjahr hatte ich einen Faktencheck zur Energiewende und dem Kohleausstieg in Bremen bis 2025 erstellt und wieviel Sinn es macht diesen umzusetzen zwecks Schutz des Weltklimas. Leider habe ich von allen Beteiligten bisher keine Antwort auf meine Fragen und auch nicht zu den Fakten erhalten.

Heute Nachmittag hat Dr. Christian Gutsche von Solidarstrom und Attac Bremen im Bremer Viertel einen Workshop veranstaltet um Argumente gegen Klimaskeptiker zu liefern. Schwerpunkte dabei waren die Klimaaufklärung und Leute zu „Klimabotschaftern“ zu machen, um Skeptikern den Wind auf den Segeln zu nehmen und diese zu bekehren. Gut dachte ich mir, da geht es also um den Dialog mit Klimaskeptikern wie mir und habe Soladarstrom Bremen, Attac Bremen und Christian Gutsche angeschrieben, in der Hoffnung, dass meine Fragen aus den Frühjahr vielleicht doch noch beantwortet werden? Das ist leider erneut nicht geschehen. Verwundert darüber bin ich eigentlich nicht, da Extinction Rebellion (XR) und die Interventionistische Linke (IL), die im Klimabündnis mit beteiligt sind, in Aktionstrainigs ihren Mitgliedern empfehlen sich mit Spektikern, die nicht zu überzeugen sind (also wie mir), sich nicht weiter auseinander zu setzen.

Nun, so schnell möchte ich nicht aufgeben. Da mir die Klimaaufklärer vom Klimabündnis und Solidarstrom meine Fragen scheinbar nicht beantworten wollen und ich auf dem Workshop keine Lucke-ähnlichen Eskalationen wie zuletzt an der UNI Hamburg herbeiführen wollte, führe ich hier einmal einen Faktencheck zu einem Video-Vortrag von Dr. Christian Gutsche durch. Los gehts.

Punk1.

Christian erzählt vom Dürresommer 2018 in Bremen und dem vertrockneten Osterdeich.

Hier die Wetterstatistik für Bremen von 2018

HB2018-Duerre

Der April war mit 188% der üblichen Niederschläge noch überdurchschnittlich nass. Danach folgten drei zu trockene Monate. Der August war dann wieder annähernd normal. Der Herbst wieder zu trocken und der Dezember dann wieder im normalen Bereich. Dabei war es überdurchschnittlich sonnig. Daher verwundert auch nicht das trockene Gras auf dem Osterdeich. Solche „Dürresommer“ sind in Deutschland und Bremen die Ausnahme und nicht die Regel.

Das bisher trockenste Jahr in Bremen war das Jahr 1959 und der trockenste Monat der September 1959. Die „Dürrerekorde“ liegen also weit zurück in Bremen.

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Die Sommerniederschlage in Bremen (links) zeigen zwischen 1970-heute keine Abnahme. Die Projektionen der Klimamodelle zeigen hier zwischen heute-2100 keine wesentliche Abnahme. Die Winterniederschläge in Bremen (rechts) zeigen zwischen 1970-heute eine leichte Zunahme. Die Projektionen der Klimamodelle zeigen hier zwischen heute-2100 eine weitere Zunahme.

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Für Bremen wird folglich keine Zunahme der „Dürresommer“ infolge einer Klimakatastrophe beobachtet und vorhergesagt.

Punk2.

Christian erzählt, 1,4°C wurden in Deutschland bisher als Temperaturanstieg beobachtet, 8 der 10 heißesten Jahre in Deutschland lagen im 21 Jh. und 2018 war das heißeste Jahr.

Hier die Temperaturkurve für Bremen.

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Kommend aus der sogenannten Kleinen Eiszeit (mit verminderter Sonnenaktivität) ist in Bremen von 1881 bis 2016 das Jahresmittel der Lufttemperatur um ca. 1,3 °C angestiegen. (Die rote Line). Die Schwankungsbreite der Jahresmittelwerte liegt bei +- 1 bis +- 2°C. Ist also groß gegen den Anstieg seit 1881. Eine Beschleunigung ist in den letzten Jahrzehnten nicht zu beobachten. Derzeit liegt der Temperaturanstieg bei nur rund 0,1°C pro Jahrzehnt!

Verantwortlich für die Erwärmung der letzten Jahrzehnte ist vor allen, dass es mehr Sonnenstunden und mehr Sonnenschein gegeben hat! Und auch dafür, dass auf Autobahnen der Asphalt schmilzt, ist der vermehrte Sonnenschein verantwortlich!

Die älteste Temperaturzeitreihe ist die von Berlin Dahlem. Sie reicht bis 1701 zurück. Wobei die Werte vor 1850 aufgrund der noch nicht standardisierten Messmethodik nicht mit einbezogen werden.

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SonnenscheinHB

Das bisher sonnenreichste Jahr war 2018 und der sonnenreichste Monat der Juli 2018. Also das Jahr, was in Deutschland auch am wärmsten war. Mit CO2 hat das wenig zu tun. Seit den 1980er Jahren ist die Luftverschmutzung durch Feinstaub/ Ruß und Sulfat-Aerosole stark zurück gegangen und damit gelangt auch wieder mehr Sonneneinstrahlung auf den Erdboden und kann ihn erwärmen. Somit erklärt sich auch ein Großteil der Erwärmung und das Auftreten von „Dürresommern“.

Am 9. August 1992 wurden in Bremen 37,6 Grad Celsius gemessen. Seit Beginn der Wetteraufzeichnungen war dies der heißeste, jemals gemessene Tag in Bremen. Das liegt 27 Jahre zurück.

Punkt3.

Christian erzählt von der Abnahme landwirtschaftlicher Erträge.

Die Realität sieht auch hier wieder anders aus. Mit Ausnahme einzelner Jahre, werden in Deutschland weltweit mit die höchsten landwirtschaftlichen Flächenerträge erzielt und die Ernte-Erträge insgesamt steigen seit Jahrzehnten immer weiter an.

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Zudem zeigen Satellitendaten seit 1982, dass Deutschland in den letzten Jahrzehnten grüner geworden ist und die Vegetation zugenommen hat. Die grün-blau Färbung zeigt eine Zunahme, die gelb-rot-Färbung eine Abnahme der Vegetation.

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Punkt4.

Als nächstes behauptet Christian Unwetter und Starkregenereignisse nehmen in Bremen zu.

Werfen wir auch hier einen Blick auf die Wetterstatistik.

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Die Anzahl der Tage in Bremen mit Starkniederschlägen pro Jahr hat nicht zugenommen. Zudem nimmt die Sturmaktivität in Norddeutschland seit den 1990er Jahren ab, wie durch diverse Studien belegt ist und durch Windkraftbetreiber festgestellt wird.

Punkt5.

Und dann wird es dramatisch. Christian behauptet der Inselstaat Kiribati wird bis zum Jahrhundertende im Meer verschwunden sein!

Werfen wir hierzu einfach mal einen Blick auf die Pegeldaten von Kiribati!

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Der Meeresspiegelanstieg auf Kiribati im Pazifik beträgt seit 1974 nur 1 mm pro Jahr. Oder 5 cm zwischen 1974-heute. Im Jahre 2100 hätten wir dann 8 cm weiteren Anstieg. Ich vermute Kiribati wird dann nicht abgesoffen sein.

Und es geht noch weiter.

Der polynesische Inselstaat Tuvalu (unweit von Kiribati entfernt) gilt seit langem als einer der Hauptkandidaten, um bei steigendem Meeresspiegel vom Ozean verschluckt zu werden. Neue Forschungsergebnisse zeigen jedoch, dass die Landmasse des Landes tatsächlich wächst.

Dies basiert auf Luftbildern und Satellitenbildern, die zwischen 1971 und 2014 von Tuvalus neun Atollen und 101 Riffinseln aufgenommen wurden. Forscher fanden heraus, dass acht der Atolle und fast drei Viertel der Inseln in dieser Zeit größer wurden.

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Insgesamt betrug die Zunahme der Landfläche 2,9 Prozent.

Punkt6.

Christian schildert, dass sich der Klimawandel uns nicht nur Unwetter und Missernten bescheert, sondern sich auch auf die Gesundheit negativ auswirkt.

Bereits 2008 stellte das britische Gesundheitsministerium fest.

Eine moderate Klimaerwärmung wirkt sich auf die menschliche Gesundheit und vor allem auf die Lebenserwartung günstig aus. Dies stellten das britische Gesundheitsministerium und die Behörde für Gesundheitsschutz in einer umfangreichen Studie fest. „Die auf Hitze zurückzuführenden Todesfälle erhöhten sich im Durchschnitt trotz immer wärmerer Sommer zwischen 1971 und 2003 nicht“, heißt es im Report, „während die jährlichen Fälle von Kältetoten um ein Drittel sanken.“

Wen wunderts. Darum entfliehen auch viele Rentner in Deutschland und England dem Winter und verbringen diesen in südlicheren Breiten.

Punkt7.

Christian stellt uns das 1,5°C Ziel vor.

Der Ex-Klimaberater der Kanzlerin H. J. Schellnhuber vom PIK und Club of Rome Mitglied gilt als Vater des 2°C-Ziels. Das 2°C-Ziel wurde erstmals von dem Ökonomen William D. Nordhaus in den Jahren 1975 und 1977 formuliert. Schellnhuber hat dieses 2°C-Ziel übernommen und als Kipppunkt in der Klimaforschung und in der Politik und beim IPCC etabliert. Wissenschaftlich fundiert ist diese Grenze nicht. Sie gilt eher als politisch anschaulicher Grenzwert, der vor ein paar Jahren noch einmal herab gesetzt wurde auf einen anschaulichen Grenzwert von 1,5°C, der Aufmerksamkeit erzeugen sollte. Man hätte auch 1,6°C, oder 1,7°C, etc. wählen können, 1,5°C sind aber als Anschauungswert einprägsamer. Dieser politisch formulierte Anschauungswert und dessen katastrophale Auswirkungen auf das Weltklima sind zudem vom IPCC und PIK im Konjunktiv/ Möglichkeitsform formuliert und ausgestaltet. Wissenschaftlich fundiert sind diese Katastrophenszenarien nicht. Es handelt sich um Szenarien und keine Vorhersagen.

Punkt8.

Christian stellt uns das Waldsterben 2.0 vor.

Im europäischen Vergleich ist Deutschland nicht nur eines der am waldreichsten Länder, es wächst auch am meisten Holz hinzu.

Laut einer Uno-Studie von 2011 sind die Wälder in Europe in den vergangenen 20 Jahren deutlich gewachsen. Laut dem in Oslo vorgestellten Bericht „Zustand der europäischen Wälder 2011“ wuchsen in den vergangenen 20 Jahren die Waldflächen in allen Regionen zumindest etwas – mit Ausnahme von Russland. Insgesamt habe sich der Wald durch Aufforstung und natürliches Wachstum um rund 17 Millionen Hektar Wald ausgedehnt. Das der Wald auch in Deutschland an Fläche gewinnt, hatte damals auch die Bundesagrarministerin Ilse Aigner (CSU) bei der Präsentation des Waldschadensberichts betont: In den vergangenen 40 Jahren wuchs die Fläche um rund zehn Prozent oder eine Million Hektar.

Im deutschen Wald stehen jetzt ca. 90 Mrd. Bäume, das sind über 1.000 Bäume pro Einwohner.

Einen überdurchschnittlichen Waldanteil haben die Bundesländer Rheinland-Pfalz und Hessen, gefolgt vom Saarland, von Baden-Württemberg, Bayern, Brandenburg mit Berlin und Thüringen.

Auch in der Länderbetrachtung nimmt die Waldfläche nahezu überall weiter zu. Das zeigen die Auswertungen der Bundeswaldinventur. Der deutsche Wald im Ganzen wächst seit Jahrzehnten. Und das sowohl, was die Gesamtfläche betrifft, als auch was das Volumen der Bäume angeht. Das gesamte Volumen der Waldbäume erreicht inzwischen Rekordwerte: 3,66 Milliarden m3 – und das ist noch nicht einmal alles, denn es kommt noch das sehr dünne Holz der Äste dazu, das traditionell nicht mitgezählt wird. Selbst der Vorrat an abgestorbenen Bäumen nimmt zu, und zwar deutlich: auf jetzt über 200 Mio. m3.

Besonders stark zugelegt haben die dicken Bäume. Das hängt auch damit zusammen, dass die Bäume in unseren Wäldern im Durchschnitt immer älter und kräftiger werden.

In ganz Deutschland bedecken die über 100-jährigen Waldflächen inzwischen mehr als 2,6 Mio. ha – eine Zunahme um mehr als 17 % seit 2002! Zum Vergleich: Das ist eine Fläche, die wesentlich größer ist als das ganze Bundesland Hessen (mit einer Gesamtfläche von etwa 2,1 Mio. ha = 21.000 km2).

Besonders die Flächen der sehr alten Bäume (mit einem Alter von über 160 Jahren) nehmen seit Jahrzehnten stark zu. Die bundesweiten Walderhebungen zeigen zwischen 2002 und 2012 eine Zunahme dieser alten Baumriesen um über 45 % auf jetzt 350.000 ha.

Nach den Ergebnissen der dritten Bundeswaldinventur 2011/2012 sind dabei rund 36 % der Waldfläche als sehr naturnah (14,5 %) oder als naturnah (21,3 %) einzustufen.

Auch für Klimaschützer sollte es sehr erfreulich sein, dass mit dem Holzvolumen der Bäume auch die Kohlenstoff-Menge immer mehr zunimmt, die in unseren Wäldern gespeichert ist: Etwa 2 Milliarden Tonnen Kohlenstoff stecken im deutschen Wald, eine unglaubliche Menge! In Kohlendioxidmengen umgerechnet heißt das: Die heutigen Wälder haben der Atmosphäre im Laufe ihres Wachstums über 7 Milliarden Tonnen CO2 entzogen, und jedes Jahr schlucken sie weitere 50 Mio. Tonnen. Dazu kommen noch die Kohlenstoffvorräte im genutzten Holz. Aktuell werden der Atmosphäre jedes Jahr 150 Mio. Tonnen Kohlendioxid entzogen oder bleiben ihr erspart – dank Wald und Holznutzung in Deutschland.

Sachsens Landwirtschaftsminister Schmidt sagte, die Wälder in Deutschland seien derzeit in einem katastrophalen Zustand. Durch Stürme, Dürre und Borkenkäfer seien schon jetzt mehr als 100.000 Hektar Wald zerstört. 11.400.000 ha hat der deutsche Wald. Also nicht mal 1% ist betroffen. Und da vor allen Kiefern und Fichten, die eigentlich hier nicht heimisch sind. Mitteleuropa ist eigentlich ein Land der Buchen.

Punkt9.

Die Energiewende wäre nicht teuer, behauptet Christian.

Hier die Entwicklung der Strompreise mit der Energiewende.

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Die Energiewende ist das größte Infrastrukturprojekt seit Ende des 2. Weltkrieges in Deutschland. Die Kostenhochrechnungen dafür gehen in die Billionen, (Minister Altmaier schätzt die Kosten auf rund 1 Billionen € bis in die 2040er Jahre) – ohne dass die Bundesregierung jegliche Konzepte einer Finanzierung vorgelegt hat. Kurz nach Erscheinen von „End of Landschaft“ legte der Bundesrechnungshof eine rabenschwarze Analyse der Energiewende vor, nahezu alle Expertengremien der Bundesregierung und die Monopolkommission schließen sich dem an. Klimaschutz funktioniert nicht im deutschen Alleingang. Trotz der ausufernden Milliardenkosten haben Zigtausende Windräder (ca. 30.000 Windkraftanlagen stehen in der BRD) und Solaranlagen (ca. 400 Quadratkilometer Photovoltaikfläche, was einen 400 km und 1 km breiten streifen entspricht stehen in der BRD (45 GWp * 9 km^2/GWp = 405 km^2)) bislang lediglich 4 Prozent des Primärenergiebedarfs gedeckt. Geht man von der gesicherten Leistung aus, liegt das Ergebnis um 1 Prozent.

Zum Abschluss ein Resümee zu früher war alles besser mit dem Klima in Bremen. War dem wirklich so?

Das Klima in der Bremer Wümmeniederung zur mittelalterlichen Warmzeit und Kleinen Eiszeit

In Klimaoptimum des Mittelalters fingen Bauern an, die wilde Wümmeniederung in eine Landschaft aus Deichen und Gräben zu verwandeln.

1106 kamen Abgesandte holländischer Bauern aus der Gegend von Utrecht nach Bremen. Die Männer verhandelten mit dem bremischen Erzbischof über sumpfiges Ödland nördlich von Bremen gelegen, ein weites Naturland, durch das zahlreiche Weser- und Wümmearme flossen. Es handelte sich um ein nasses Grasland mit Bauminseln aus Erlen und Weiden und undurchdringlichen Schilfgürteln. Dieses Land konnten die alteingesessenen Bauern, die auf dem Dünenrücken an der Weser wirtschafteten und lebten, nicht gebrauchen. Die Holländer wollten ihre überbevölkerte Heimat verlassen und beabsichtigten das Ödland zu entwässern und zu bewirtschaften, denn es handelte sich um fruchtbaren Marschenboden, den die Frühjahrs- und Herbsthochwasser herangeschwemmt hatten.

Ab 1113 schufen die holländischen Sieder entlang der Kleinen Wümme einen Achterdeich und entlang der Großen Wümme Vordeichlinien. Sie entwässerten das südlich der Großen Wümme gelegene Land über Gräben (sog. Wettern oder Wetterungen), die parallel und diagonal angelegte wurden (langstreifenförmige Parzellierung bzw. Hufeneinteilung). Die Entwässerung erfolgte mit Hilfe von Sielen (verschließbareren Gewässerdurchlässen im Deich). Die Siedler lebten auf Wurten (aufgeworfene Erdhügel, zum Schutz gegen Hochwasser und Sturmfluten). Sie betrieben Getreideanbau im Polder (eingedeichter Bereich) und eine Weidewirtschaft im Außendeichland. Die günstigen Klimabedingungen der mittelalterlichen Warmzeit hielten aber nicht lange an.

Die Dörfer Hemme, Damme und Wemme werden im 12. und 13. Jahrhundert erwähnt, mussten aber noch im Spätmittelalter aufgegeben werden, weil der Wasserstand so stark angestiegen war, dass eine Besiedlung nur noch direkt an den Deichen und den an ihnen gelegenen Wurten möglich war. Die Bewohner hatten viel unter den Fluten zu leiden. So ertrinkt im Jahre 1627 beispielsweise der Pastor von Wasserhorst in den Fluten.

Das Klima verschlechterte sich seit Anfang des 14. Jahrhunderts rasch im größten Teil Europas. Kalte Jahre folgten und zur Erntezeit im Herbst strömte der Regen. Von 1335 bis 1352 gab es in jedem Jahr eine Missernte und zahlreiche Menschen hungerten. Sturmfluten drangen häufiger und höher in die Wümmeniederung ein. Die Weser versandete, ihr Wasserstand stieg an, und es kam zu einem größeren Rückstau des Wassers in die Wümme. Der Eingriff der Bauern in die Naturlandschaft, dass Hinausschieben der Deichlinie an den Fluss, hatte neben der beabsichtigten Wirkung neues Land zu gewinnen auch eine unbeabsichtigte Folge: in den nun kleineren Außendeichsflächen lagerte sich der Flussschlamm höher ab und die Wümme floss erhöht dahin. Die Bauern mussten Deiche und Wurten weiter aufwerfen. Das Binnendeichsland sackte ab. Das Entwässern hatte, wie der Deichbau, ebenfalls unbeabsichtigte Folgen: die Niedermoorschicht unter dem Marschboden sank in sich zusammen. Wissenschaftler vermuten heute, dass es sich dabei höchstens um einen halben Meter handelte, an vielen Stellen um weniger. Doch das Gefälle vom eingedeichten Land zu den Flüssen hatte sich verringert, das Entwässern wurde immer schwieriger und das Getreide wuchs im nun nasseren Land immer kümmerlicher.

Klimaverschlechterung, häufigere Sturmfluten und absackendes Land machten den Bauern mit Einzug der sog. Kleinen Eiszeit schwer zu schaffen. Hinzu kam die Pest, die 1350 im Bremen wütete. Auf dem Land um Bremen starben 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung. Die Nachkommen der holländischen Siedler verließen letztendlich die tieferen Lagen, auf denen Getreide am schlechtesten gedieh. Die Landwirtschaft war inzwischen unrentabel geworden. Fast die Hälfte der Höfe lag nun wüst. Die übrig gebliebenen Bauern bewirtschafteten notdürftig die Flur und verteidigten die Deiche bei Hochwasser und Sturmflut. Doch zu viele Nachbarn waren fort. Einige Bauern mussten den größten Teil ihres Polders nach einem Deichbruch an der Großen Wümme aufgeben. Der Deich der ersten Siedler wurde wieder zum Vordeich. Das Land zwischen den Wümmen konnten die Bauern nur noch als Wiesen und Weiden nutzen. An der Kleinen Wümme gaben die Bauern um ca. 1500 schließlich ihre Häuser auf und zogen an den Deich zur Großen Wümme. An der Großen Wümme konnten die Bauern den Deich leichter verteidigen.

Für die Bauern an den Deichen ging es nach dem Umzug wirtschaftlich wieder aufwärts. Nach und nach konnten sie die Deiche reparieren und neue Deiche bauen. In den folgenden Jahrhunderten gab es schlechtere und bessere Zeiten. Das Leben war oft karg, denn das Entwässern wurde immer schwieriger. Die Wasserstände außendeichs erhöhten sich, die nassen Wiesen gaben immer ärmlichere Erträge her. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts löste eine moderne Technik mit Dampfschöpfwerken die alten Entwässerungsprobleme. Heute wird das Land als Wiesen- und Weideland genutzt. Ackerbau wird nur noch auf den höher gelegenen Geestrücken der Umgebung betrieben.

Aus der Geschichte können wir eines lernen, nämlich, dass steigende Wasserstände, Sturmfluten, Unwetter und Missernten kein Phänomen eines neuzeitlichen Klimawandels sind, sondern sich durch die Geschichte der letzten ca. 1.000 Jahre ziehen. Das zeigen die Chroniken unserer Vorfahren. Unsere Vorfahren mussten sich immer wieder den klimatischen Begebenheiten anpassen und mit Unwettern kämpfen. Aus dieser Zeit stammt auch der Spruch „Deichen oder weichen“. Dank der modernen Deichbau- und Entwässerungstechniken und den Sperrwerken (Lesumsperrwerk von 1974) sind Deichbrüche und Überschwemmungen heute zur Seltenheit geworden. Zudem wurde im NSG Borgfelder Wümmewiesen durch Renaturierungsmaßnahmen und Deichrückbau ein Überflutungsgebiet für Binnenhochwasser (Niederschlagshochwasser) geschaffen, dass den Wümmearmen (Nord- und Mittelarm) seit ca. 20 Jahren Freiraum gibt und vielen durchziehenden Wasservögeln einen Rastplatz bietet. In der Zeit vor 1880 ereigneten sich regelmäßig Deichbrüche an der Wümme. An der sog. Schönen Brake (benannt nach der damaligen Besitzerin und Gutsherrin Schöne) brach der Deich seit 1744 mehrfach. U.a. auch im Dez. 1753. Des Weiteren brach 1830 der Katrepeler Deich, 1846 der Deich in Niederblockland und Wasserhorst und 1855 der Deich in Borgfeld. Der letzte Deichbruch an der Großen Wümme ereignete sich am 29. Dez. 1880. Am Ort des Deichbruchs von 1880, der heute zwischen den Hofstellen Niederblockland 14 und 15 liegt, wurde eine geschnitzte Holztafel aufgestellt. Das acht Meter tiefe Loch ist noch heute am Fuße der Binnenböschung des Deichs erhalten und trägt den Namen Niederblocklandsee.

Am 29. Dezember 1880 brach beim Gehöft Kropp der Wümmedeich. Das Wasser überflutete das ganze Blockland. Große Teile Bremens standen unter Wasser. Am 19. Februar 1881 brach dann noch auf der linken Weserseite der Deich bei Thedinghausen und das Wasser lief auch über die Ochtumdeiche. Mehrere schwere Hochwasser, die um Weihnachten einsetzten, ließen die Deiche brechen, brachten Überschwemmungen, verursachten im Flussbett der Weser tiefe Kolke (Vertiefung) und ließen eine Uferwand auf 400 Metern Länge einstürzen. Die auf einer Düne und somit etwas höher als die Umgebung gelegene Altstadt ragte laut Augenzeugenberichten wie eine Insel aus der Wasserfläche. Drei Monate stand das Wasser im der Wümmeniederung des Blocklands. Die angrenzenden Bremer Stadtteile Findorff und Schwachhausen waren zeitweise überschwemmt. In der Parkallee (am Bremer Bürgerpark) kann man heute an der Polizeiwache, am Nebengebäude rechts, die Hochwassermarke sehen, welche die Wasserstände im Dezember 1880 und im März 1881 anzeigt. Auch im Bürgerpark an der Emmabank und in Horn am Haus Klattendiek 1 erinnern Hochwassermarken an die Flut.

Nach dem schweren Hochwasser von 1881, bei dem zum bisher letzten Mal Weserwasser zur Wümme durchbrach, wurde flussaufwärts der Bremer Altstadt ein neuer stärkerer und geraderer Deich gebaut, der Osterdeich. Zudem wurde nun der Plan umgesetzt, die versandete und gewundene Weser für den Schiffsverkehr zu begradigen und zu vertiefen und damit gleichzeitig den Abfluss des Wassers zu verbessern. Die maßgeblichen Korrekturen der Weser werden auch Große Weserkorrektion genannt und wurden im Jahre 1887 aufgenommen. Bereits 1883 wurde die Weserschleife bei Lankenau-Gröpelingen, die „lange Bucht“, abgeschnitten und der Strom in ein neues Bett verlegt.

Heute verschonen uns nicht nur die moderne Technik und die geschaffenen Überschwemmungsgebiete vor Überflutungen, bedingt durch den Weserausbau läuft das Wasser auch anders ab und auf.

Vor dem Schrittweisen Ausbau der Weser (1887-1978) mit Vertiefungen um mehrere Meter, haben vor allem Binnenhochwasser aus den Oberläufen zu Überschwemmungen in Bremen geführt, da das Wasser sich staute und nicht Richtung Nordsee abfließen konnte. Nach den Weserausbauten drängen nun die Tiden- und Sturmflutenhochwasser von der Nordsee her stärker in den Unterlauf der Weser ein. Die heutigen Sturmflutenhochwasser laufen aber bei weitem nicht so hoch auf, wie die Binnenhochwasser in der Zeit vor dem 1. Weserausbau von 1887.

Zum Vergleich:

Binnenhochwasser von 1880/81 mit Pegel über Normalnull von 7,80 m,

Sturmflutenhochwasser von 1962 und 1994 mit Pegeln über Normalnull von 5,42/5,43 m.

Pegel,_Bremen

Das bestätigen auch die historischen Pegelstände am Pegel Große Weserbrücke/ heute Wilhelm-Kaisen-Brücke. Die Hochwasser des 17., 18. und 19. Jh. lagen um 1-2 m höher, als die heutigen Hochwasser.

Die Bedingungen sind heute also weitaus besser als zu Zeiten des letzten Deichbruches an der Wümme von 1880 und der letzten großen Überflutung von Bremen im Jahre 1880/81, entsprechend dem Beginn der Temperaturaufzeichnungen, direkt nach der Kleinen Eiszeit.

Und auch den Wiesenvögeln im Bremer Blockland geht es heute gut, trotz „Insektensterben“ und „Dürresommer“ 2018.

Wiesenvögel-Blockland

Written by Michael Krüger

Samstag, 9 November, 2019 um 21:26

Veröffentlicht in Klimawandel

8 Antworten

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  1. Wir müssen wieder mehr Luftverschmutzung produzieren, Kohlekraftwerke mit Braunkohle betreiben, die mit besonders viel Schwelanteil. Wieder Autos ohne Kat fahren und Kohleöfen zum Heizen benutzen. Die Industrie muss wieder Schornsteine bauen damit sie ihre rauchenden Abgase in die Luft pusten und zwar ungefiltert! Dann sinkt auch wieder die Temperatur in unserem Land. Allerdings werden wir dann mit dem Nachteil leben müssen dass unsere Kinder Astma bekommen und die Lebenserwartung wieder sinkt wegen der Luftverschmutzung und unsere Wälder wegen dem sauren Regen eigehen.

    Martin Trittelvitz

    Samstag, 9 November, 2019 at 21:39

  2. @Martin Trittelvitz
    Passiert doch schon, die Luftverschmutzung, und zwar so gut, dass wir Lufttechnisch wieder in den 60iger Jahren angekommen sind, Wohngebiete mit Holzfeuerungsanlagen, regierungsamtlich teilweise gefördert, von den Grünen hofiert und vom Umweltabzockerverin gepriesen(und verdienen auch noch mit), haben wir eine Feinstaubbelstung ohne Gleichen, außer vielleicht noch in China.
    Man kann argumetieren, nachts in Wohngebieten sind vermehrt Diesel LKW unterewgs, oder nur Tagesmittelwerte veröffentlichen.

    krishna gans

    Sonntag, 10 November, 2019 at 00:16

  3. Also in Berlin ist die Luft heute weitaus besser als in den 70er Jahren, als ich dort studiert habe. Damals heizten praktisch alle mit Kohle, die Flugzeuge starteten und landeten direkt über die Dächer von Neukölln und Tempelhof. Das hatte zu Folge, dass vom Himmel Flocken von unvollständig verbranntem Kerosin regneten. Im Osten fuhren praktisch alle Autos mit Zweitaktern, Wartburg und Trabbi, Robur etc. Die Häuser waren außen schwarz vom Ruß! Im Vergleich dazu ist heute die Luft da paradisisch sauber! Das ist natürlich ein winziger Ausschnitt, die gesamte Fläche von Deutschland war vermutlich weniger belastet, weniger versiedelt, es gab weniger Fahrzeuge und Straßen, weniger Industrie etc. Dass das Auswirkungen auf die Temperatur in Städten hat kann man nachvollziehen.

    Martin Trittelvitz

    Sonntag, 10 November, 2019 at 03:17

  4. @Martin Trittelvitz Das Thema ist hier ausschließlich die angebliche „Klimaschädigung“ durch CO2. Kohlendioxid ist kein Gift, kein Schadstoff, verursacht kein Asthma, keinen sauren Regen, senkt niemandes Lebenserwartung und tötet keine Bäume. Diejenigen Schadstoffe die all das tun werden seit 30 Jahren in der Industrie, bei Kraftwerken und KFZ ausgefiltert. Das ist möglich ohne diese Anlagen stillzulegen. Wie Krishna Ganz sagt, ist es tatsächlich der sog. „Klimaschutz“ in dessen Namen die Luftverschmutzung wieder ansteigt, denn dafür wird Holz ungefiltert verbrannt und wird die Umgebung mit Güllegas-Gestank belästigt.

    anorak2

    Sonntag, 10 November, 2019 at 11:08

  5. Christian fliegt auch nur über 1.000 km.

    Michael Krügerichael Krüger

    Sonntag, 10 November, 2019 at 12:16

  6. Mal abwarten. Vielleicht gibt es noch Antworten auf die Fragen?

    „Sehr geehrter Herr Krüger,

    ich habe Ihre Nachricht erhalten. Da ich das Ganze ehrenamtlich mache, sind meine Ressourcen limitiert. Deswegen bitte ich Sie um Geduld. Ich werde mir nach dem Workshop mal Gedanken über Ihre Nachricht machen und mich dann melden. Im Übrigen ist das ein Workshop über Klimakommunikation. Der Umgang mit Klima-Skeptikern ist tatsächlich nur ein kleiner Teil des Workshops.

    Beste Grüße
    Christian Gutsche“

    Michael Krügerichael Krüger

    Sonntag, 10 November, 2019 at 12:23

  7. @@Martin Trittelvitz
    Hier mal die Belastungsdaten einzelner Feuerungsanlagen:

    Man beachte insbesondere Feinstaub, CO2….
    Wahre Dreckschleudern die von der Deutschen Umwelthilfe gefördert und gepriesen werden.

    krishna gans

    Sonntag, 10 November, 2019 at 19:16

  8. Sie rennen bei mir offene Türen ein. Für die Umwelt ist CO2 ein lebenswichtiges Gas. Selbst der Kohlenstoff in unseren Zellen kommt letztlichaus CO2. Ohne CO2 gibts keine Pflanzen, keine Tiere, kein Leben. CO2 in der Atmosphäre beeinflusst die Temperatur, aber wieviel ist völlig unklar, klar ist nur dass die Annahmen der Modellierer viel zu hoch sind. Zudem geht es der Menschheit deutlich besser wenn es nicht zu kalt ist. Ich kritisiere nur den panischen Aktionismus von Politik und Umweltbewegung. Erst sorgen sie für saubere Luft, es gibt nichts wichtigeres und wir sterben morgen an Feinstaub, SO2 und NOx, dann sterben wir an höheren Temperaturen verursacht durch CO2. Morgen sterben wir an was anderem, z.B. Wasserknappheit oder so. Vielleicht auch wieder an einer Eiszeit, wer weiß! Und die Umwelthilfe setzt sich auf jeden Hype und zockt ab.

    Martin Trittelvitz

    Sonntag, 10 November, 2019 at 19:43


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