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Ein Umweltphysiker im Klimawandel

Biosprit ein Umwelt- und Klimakiller?!

with one comment

Gastbeitrag von Michael Krüger, auch erschienen bei Readers Edition.

Einer aktuellen Studie des Londoner Instituts für europäische Umweltpolitik (IEEP) zufolge schadet der geplante Ausbau der Anbauflächen zur Biospriterzeugung dem Klima mehr als die fossilen Energien. Als Folge würden Millionen Tonnen mehr an CO2 freigesetzt werden.

Die IEEP-Forscher untersuchten die offiziellen Pläne von 23 EU-Mitgliedstaaten zum Ausbau der erneuerbaren Energien bis 2020. Allen voran in der EU gehen dabei die deutschen Ausbaupläne. Insgesamt sollen 2020 in Europa 9,5 Prozent der Energie für den Verkehr aus Biosprit bestehen, der fast vollständig aus Ölsaat, Palmöl, Rohr- und Rübenzucker sowie Weizen produziert werde. Dafür müssten laut Studie weltweit bis zu 69.000 Quadratkilometer Wald, Weiden und Feuchtgebiete als Ackerland kultiviert werden – eine Fläche mehr als zweimal so groß wie Belgien. Als Folge würden jährlich bis zu 56 Millionen Tonnen CO2 freigesetzt werden. Das entspreche zusätzlichen 12 bis 26 Millionen Autos auf Europas Straßen.

Die Ergebnisse und das Wissen um die schlechte Umwelt- und Klimabilanz von Biokraftstoffen sind nicht neu. In internen EU Kommissionsstudien zum Thema Biosprit wurde bereits im Juli 2009 festgestellt: Das Zehn-Prozent-Ziel für Biodiesel würde mehr Schaden anrichten als nützen. Die EU-Kommission hielt die Ergebnisse der vier Studien zunächst geheim und weigert sich, diese der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Auf Druck der Öffentlichkeit sind die Ergebnisse aber letztendlich publik geworden.

Schon im Jahr 2007 hat eine internationale Arbeitsgruppe von Wissenschaftlern um den Chemie-Nobelpreisträger Paul Crutzen – welcher sich um die Erforschung des Ozonloches verdient gemacht hat – folgendes festgestellt:

Biosprit ist klimaschädlicher als Benzin. Der Grund liegt in dem gefährlichen Stickoxid (N2O, Lachgas), welches vor allem beim Düngen der Energiepflanzen in die Atmosphäre gelangt. Jede Tonne Lachgas hat nämlich eine fast 300-fach so starke Treibhauswirkung wie dieselbe Menge an Kohlendioxid. Außerdem macht Lachgas auch der Ozonschicht zu schaffen.

Seit längerem ist klar, dass vor allem der Sprit aus Raps und Mais wegen der Energie, die zu seiner Herstellung gebraucht wird, keine positive Klimabilanz hat. Auch eine OECD-Studie hat dem Biosprit ein verheerendes Zeugnis ausgestellt.

Wegen der starken Treibhauswirkung von Lachgas sind die Folgen fürs Klima erheblich: Für Raps-Sprit wäre demnach die relative Erwärmung bis zu 1,7-mal höher als der Kühlungseffekt durch die Einsparung von CO2 aus fossilem Treibstoff. Ethanol aus Mais, der vor allem in den USA hergestellt wird, wäre den Berechnungen zufolge bis zu 1,5-mal klimaschädlicher als Benzin oder Diesel.

Weitaus früher, nämlich schon im Jahre 1999 hat das Heidelberger ifeu-Institut in zwei Studien festgestellt, dass die folgenden Faktoren zu Ungunsten von Rapsöl oder Rapsölmethylester ausfallen:

  • – „Verbrauch an mineralischen Rohstoffen“ (Mineraldünger),

  • – „Versauerung“ der Böden und „Eutrophierung“ (Nährstoffanreicherung in Gewässern)

  • – sowie „stratosphärischer Ozonabbau“ (Zerstörung der Ozonschicht) durch Freisetzung des ozonschädigenden und gleichzeitig hochwirksamen Treibhausgases Distickstoffoxid (N2O, Lachgas) aus Düngemitteln und Rapsstroh,

  • – ferner die „Human- und Ökotoxizität“ von Ammoniak (NH3) und Stickoxiden (NOx)
    (NOx entstehen durch Umwandlung von N2O und sind Vorläufersubstanzen von bodennahem Ozon (O3)/ “Sommersmog”). (Des Weiteren sind NOx Säurebildner und tragen zur Versauerung der Böden und zum Waldsterben bei).

Weitere Nachteile: Ein Hektar Raps gibt kaum 1.000-1.500 Liter Biodiesel her. Das ist so wenig, dass man praktisch das ganze Land mit Rapsfeldern überziehen müsste. Schon die Traktoren und andere landwirtschaftliche Maschinen verbrauchen eine ganze Menge Treibstoff.

Ein weiterer Nachteil: Kreuzblütengewächse wie Rapsplanzen produzieren Methylbromid (Brommethan), eine ozonschädigende Verbindung, welches wie Lachgas die Ozonschicht zerstören kann. Allein der Raps produziert 6600 Tonnen im Jahr, dies ist ein Anteil von 15% dessen, was immer noch industriell hergestellt wird.

Biomasse im Energiemix

In Anbetracht dieser Erkenntnisse und dessen, dass die Biomasse und die Biokraftstoffe den größten Anteil der Erneuerbaren Energien im primären Energieverbrauch Deutschlands stellen, ist die Diskussion um Biotreibstoffe ein entscheidender Schlüsselpunkt in der Erneuerbaren Energien-Debatte.

Werfen wir dazu einen Blick auf den Primärenergieverbrauch in Deutschland und der Welt. Damit ist der Gesamtenergieverbrauch mit Strom, Wärme und Verkehr in Deutschland, bzw. der Welt gemeint.

Abbildung 1: Struktur des Primärenergieverbrauchs in Deutschland 2007

Abbildung 2: Primärenergiemix Welt 2006

Der primäre Energieverbrauch Deutschlands wird zu ca. 93% aus den konventionellen Energieträgern Öl, Kohle, Gas und Kernenergie gedeckt. Nur ca. 7% machen die Erneuerbaren Energien aus. Davon stellt die Biomasse mit ca. 5% den größten Anteil. Die wirklich “klimaneutralen” Energieformen, wie Wind-, Wasser- und Solar-Energie stellen zusammen nur einen Anteil von etwa 2% am Primärenergieverbrauch in Deutschland.

In Anbetracht der prozentualen Verhältnisse und der Klimaschädlichkeit und Umweltschädlichkeit vieler Biokraftstoffe, sollte klar sein, dass eine Energieversorgung Deutschlands zu 100% aus Erneuerbarer Energie, d.h. wirklich “klimaneutraler” Energie, derzeit und in absehbarer Zeit, eine Illusion ist. Die schon jetzt vorhandenen und für jedermann sichtbaren Wind- und Solarparks müssten (rein rechnerisch) um etwa das 40-fache erweitert werden, die Stromnetze müssten entsprechend ausgebaut werden, zudem entfallen die Biokraftstoffe als “klimaneutrale” Energiereserve/ Energiespeicher, um die wind- und sonnenarmen Tage überbrücken zu können. An Stelle der Biokraftstoffe müssten andere wirklich “klimaneutrale” Energiespeicher treten, wie z.B. Wasserspeicher in Form von Stauseen. Auch daran mangels es in Deutschland. Die Topographie und die Flüsse in Deutschland geben den notwendigen Bedarf an Stauseen nicht her.

Eine Energieversorgung Deutschlands zu 100% aus Erneuerbarer Energie, wirklich “klimaneutraler” Energie, bleibt also weiterhin eine Illusion. Zumal die Kernkraft in absehbarer Zeit im Primärenergieverbrauch Deutschlands von aktuell 11% auf 0% herunter gefahren wird. Diese 11% müssen dann ebenfalls durch andere, wirklich “klimaneutrale” Energien ersetzt werden. Wie das geschehen soll, darüber sollten sich vielleicht auch die Castor-Demonstranten Gedanken machen? Sätze wie der Folgende sind da leicht gesagt:

“Erneuerbare Energien sind schon jetzt (!) hinreichend ausgereift und HEUTE verfügbar. In 20 – 30 Jahren könnte sich Deutschland zu 100 % mit Erneuerbaren Energien versorgen. Man muss es nur wollen!”

Doch Wunschvorstellungen entsprechen nun einmal nicht den Realitäten. Eines ist klar, in Anbetracht der endlichen, fossilen Energien ist früher, oder später eine Energiewende von Nöten. Ohne neue, “klimafreundliche” Energieformen (wie z.B. die Kernfusion), die eine wesentlich höhere Energiedichte als Solar-, und Windenergie und somit auch einen viel geringeren Flächenbedarf aufweisen, wird das aber – in absehbarer Zeit – nicht zu stemmen sein.

Quellen

Studie: Biosprit schadet Klima stärker als fossile Brennstoffe

New Report Concludes that Indirect Impacts of EU Biofuel Policy will Create Major Environmental Pressure

Anticipated Indirect Land Use Change Associated with Expanded Use of Biofuels and Bioliquids in the EU – An Analysis of the National Renewable Energy Action Plans

Biosprit und Rinderzucht – mit zwei Mythen im Klimaschutz wird aufgeräumt

VCÖ: EU-Kommission hält vier kritische Studien über Umweltfolgen von Biosprit zurück!

N2O release from agro-biofuel production negates global warming
reduction by replacing fossil fuels

ifeu-Institut Heidelberg: Publikationsliste Landwirtschaft/list of publications

Umweltgifte vom Gabentisch der Natur

Wikipedia: Struktur des Primärenergieverbrauchs in Deutschland 2007

UBA: Primärenergieverbrauch (PEV) nach Energieträgern und Anteil erneuerbarer Energien

International Energy Agency (IEA): KEY WORLD ENERGY STATISTICS 2009

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Written by admin

Donnerstag, 11 November, 2010 um 12:25

Eine Antwort

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  1. […] der Bedenkenträger scheint das Londoner Institut für Europäische Umweltpolitik (Institute for European […]


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