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Ein Umweltphysiker im Klimawandel

Das Klima in der Bremer Wümmeniederung zur mittelalterlichen Warmzeit und Kleinen Eiszeit

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In Klimaoptimum des Mittelalters fingen Bauern an, die wilde Wümmeniederung in eine Landschaft aus Deichen und Gräben zu verwandeln.

1106 kamen Abgesandte holländischer Bauern aus der Gegend von Utrecht nach Bremen. Die Männer verhandelten mit dem bremischen Erzbischof über sumpfiges Ödland nördlich von Bremen gelegen, ein weites Naturland, durch das zahlreiche Weser- und Wümmearme flossen. Es handelte sich um ein nasses Grasland mit Bauminseln aus Erlen und Weiden und undurchdringlichen Schilfgürteln. Dieses Land konnten die alteingesessenen Bauern, die auf dem Dünenrücken an der Weser wirtschafteten und lebten, nicht gebrauchen. Die Holländer wollten ihre überbevölkerte Heimat verlassen und beabsichtigten das Ödland zu entwässern und zu bewirtschaften, denn es handelte sich um fruchtbaren Marschenboden, den die Frühjahrs- und Herbsthochwasser herangeschwemmt hatten.

Ab 1113 schufen die holländischen Sieder entlang der Kleinen Wümme einen Achterdeich und entlang der Großen Wümme Vordeichlinien. Sie entwässerten das südlich der Großen Wümme gelegene Land über Gräben (sog. Wettern oder Wetterungen), die parallel und diagonal angelegte wurden (langstreifenförmige Parzellierung bzw. Hufeneinteilung). Die Entwässerung erfolgte mit Hilfe von Sielen (verschließbareren Gewässerdurchlässen im Deich). Die Siedler lebten auf Wurten (aufgeworfene Erdhügel, zum Schutz gegen Hochwasser und Sturmfluten). Sie betrieben Getreideanbau im Polder (eingedeichter Bereich) und eine Weidewirtschaft im Außendeichland. Die günstigen Klimabedingungen der mittelalterlichen Warmzeit hielten aber nicht lange an.

Die Dörfer Hemme, Damme und Wemme werden im 12. und 13. Jahrhundert erwähnt, mussten aber noch im Spätmittelalter aufgegeben werden, weil der Wasserstand so stark angestiegen war, dass eine Besiedlung nur noch direkt an den Deichen und den an ihnen gelegenen Wurten möglich war. Die Bewohner hatten viel unter den Fluten zu leiden. So ertrinkt im Jahre 1627 beispielsweise der Pastor von Wasserhorst in den Fluten.

Das Klima verschlechterte sich seit Anfang des 14. Jahrhunderts rasch im größten Teil Europas. Kalte Jahre folgten und zur Erntezeit im Herbst strömte der Regen. Von 1335 bis 1352 gab es in jedem Jahr eine Missernte und zahlreiche Menschen hungerten. Sturmfluten drangen häufiger und höher in die Wümmeniederung ein. Die Weser versandete, ihr Wasserstand stieg an, und es kam zu einem größeren Rückstau des Wassers in die Wümme. Der Eingriff der Bauern in die Naturlandschaft, dass Hinausschieben der Deichlinie an den Fluss, hatte neben der beabsichtigten Wirkung neues Land zu gewinnen auch eine unbeabsichtigte Folge: in den nun kleineren Außendeichsflächen lagerte sich der Flussschlamm höher ab und die Wümme floss erhöht dahin. Die Bauern mussten Deiche und Wurten weiter aufwerfen. Das Binnendeichsland sackte ab. Das Entwässern hatte, wie der Deichbau, ebenfalls unbeabsichtigte Folgen: die Niedermoorschicht unter dem Marschboden sank in sich zusammen. Wissenschaftler vermuten heute, dass es sich dabei höchstens um einen halben Meter handelte, an vielen Stellen um weniger. Doch das Gefälle vom eingedeichten Land zu den Flüssen hatte sich verringert, das Entwässern wurde immer schwieriger und das Getreide wuchs im nun nasseren Land immer kümmerlicher.

Klimaverschlechterung, häufigere Sturmfluten und absackendes Land machten den Bauern mit Einzug der sog. Kleinen Eiszeit schwer zu schaffen. Hinzu kam die Pest, die 1350 im Bremen wütete. Auf dem Land um Bremen starben 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung. Die Nachkommen der holländischen Siedler verließen letztendlich die tieferen Lagen, auf denen Getreide am schlechtesten gedieh. Die Landwirtschaft war inzwischen unrentabel geworden. Fast die Hälfte der Höfe lag nun wüst. Die übrig gebliebenen Bauern bewirtschafteten notdürftig die Flur und verteidigten die Deiche bei Hochwasser und Sturmflut. Doch zu viele Nachbarn waren fort. Einige Bauern mussten den größten Teil ihres Polders nach einem Deichbruch an der Großen Wümme aufgeben. Der Deich der ersten Siedler wurde wieder zum Vordeich. Das Land zwischen den Wümmen konnten die Bauern nur noch als Wiesen und Weiden nutzen. An der Kleinen Wümme gaben die Bauern um ca. 1500 schließlich ihre Häuser auf und zogen an den Deich zur Großen Wümme. An der Großen Wümme konnten die Bauern den Deich leichter verteidigen.

Für die Bauern an den Deichen ging es nach dem Umzug wirtschaftlich wieder aufwärts. Nach und nach konnten sie die Deiche reparieren und neue Deiche bauen. In den folgenden Jahrhunderten gab es schlechtere und bessere Zeiten. Das Leben war oft karg, denn das Entwässern wurde immer schwieriger. Die Wasserstände außendeichs erhöhten sich, die nassen Wiesen gaben immer ärmlichere Erträge her. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts löste eine moderne Technik mit Dampfschöpfwerken die alten Entwässerungsprobleme. Heute wird das Land als Wiesen- und Weideland genutzt. Ackerbau wird nur noch auf den höher gelegenen Geestrücken der Umgebung betrieben.

Aus der Geschichte können wir eines lernen, nämlich, dass steigende Wasserstände, Sturmfluten, Unwetter und Missernten kein Phänomen eines neuzeitlichen Klimawandels sind, sondern sich durch die Geschichte der letzten ca. 1.000 Jahre ziehen. Das zeigen die Chroniken unserer Vorfahren. Unsere Vorfahren mussten sich immer wieder den klimatischen Begebenheiten anpassen und mit Unwettern kämpfen. Aus dieser Zeit stammt auch der Spruch „Deichen oder weichen“. Dank der modernen Deichbau- und Entwässerungstechniken und den Sperrwerken (Lesumsperrwerk von 1974) sind Deichbrüche und Überschwemmungen heute zur Seltenheit geworden. Zudem wurde im NSG Borgfelder Wümmewiesen durch Renaturierungsmaßnahmen und Deichrückbau ein Überflutungsgebiet für Binnenhochwasser (Niederschlagshochwasser) geschaffen, dass den Wümmearmen (Nord- und Mittelarm) seit ca. 20 Jahren Freiraum gibt und vielen durchziehenden Wasservögeln einen Rastplatz bietet. In der Zeit vor 1880 ereigneten sich regelmäßig Deichbrüche an der Wümme. An der sog. Schönen Brake (benannt nach der damaligen Besitzerin und Gutsherrin Schöne) brach der Deich seit 1744 mehrfach. U.a. auch im Dez. 1753. Des Weiteren brach 1830 der Katrepeler Deich, 1846 der Deich in Niederblockland und Wasserhorst und 1855 der Deich in Borgfeld. Der letzte Deichbruch an der Großen Wümme ereignete sich am 29. Dez. 1880. Am Ort des Deichbruchs von 1880, der heute zwischen den Hofstellen Niederblockland 14 und 15 liegt, wurde eine geschnitzte Holztafel aufgestellt. Das acht Meter tiefe Loch ist noch heute am Fuße der Binnenböschung des Deichs erhalten und trägt den Namen Niederblocklandsee.

Am 29. Dezember 1880 brach beim Gehöft Kropp der Wümmedeich. Das Wasser überflutete das ganze Blockland. Große Teile Bremens standen unter Wasser. Am 19. Februar 1881 brach dann noch auf der linken Weserseite der Deich bei Thedinghausen und das Wasser lief auch über die Ochtumdeiche. Mehrere schwere Hochwasser, die um Weihnachten einsetzten, ließen die Deiche brechen, brachten Überschwemmungen, verursachten im Flussbett der Weser tiefe Kolke (Vertiefung) und ließen eine Uferwand auf 400 Metern Länge einstürzen. Die auf einer Düne und somit etwas höher als die Umgebung gelegene Altstadt ragte laut Augenzeugenberichten wie eine Insel aus der Wasserfläche. Drei Monate stand das Wasser im der Wümmeniederung des Blocklands. Die angrenzenden Bremer Stadtteile Findorff und Schwachhausen waren zeitweise überschwemmt. In der Parkallee (am Bremer Bürgerpark) kann man heute an der Polizeiwache, am Nebengebäude rechts, die Hochwassermarke sehen, welche die Wasserstände im Dezember 1880 und im März 1881 anzeigt. Auch im Bürgerpark an der Emmabank und in Horn am Haus Klattendiek 1 erinnern Hochwassermarken an die Flut.

Nach dem schweren Hochwasser von 1881, bei dem zum bisher letzten Mal Weserwasser zur Wümme durchbrach, wurde flussaufwärts der Bremer Altstadt ein neuer stärkerer und geraderer Deich gebaut, der Osterdeich. Zudem wurde nun der Plan umgesetzt, die versandete und gewundene Weser für den Schiffsverkehr zu begradigen und zu vertiefen und damit gleichzeitig den Abfluss des Wassers zu verbessern. Die maßgeblichen Korrekturen der Weser werden auch Große Weserkorrektion genannt und wurden im Jahre 1887 aufgenommen. Bereits 1883 wurde die Weserschleife bei Lankenau-Gröpelingen, die „lange Bucht“, abgeschnitten und der Strom in ein neues Bett verlegt.

Heute verschonen uns nicht nur die moderne Technik und die geschaffenen Überschwemmungsgebiete vor Überflutungen, bedingt durch den Weserausbau läuft das Wasser auch anders ab und auf.

Vor dem Schrittweisen Ausbau der Weser (1887-1978) mit Vertiefungen um mehrere Meter, haben vor allem Binnenhochwasser aus den Oberläufen zu Überschwemmungen in Bremen geführt, da das Wasser sich staute und nicht Richtung Nordsee abfließen konnte. Nach den Weserausbauten drängen nun die Tiden- und Sturmflutenhochwasser von der Nordsee her stärker in den Unterlauf  der Weser ein. Die heutigen Sturmflutenhochwasser laufen aber bei weitem nicht so hoch auf, wie die Binnenhochwasser in der Zeit vor dem 1. Weserausbau von 1887.

Zum Vergleich:

Binnenhochwasser von 1880/81 mit Pegel über Normalnull von 7,80 m,

Sturmflutenhochwasser von 1962 und 1994 mit Pegeln über Normalnull von 5,42/5,43 m.

Das bestätigen auch die historischen Pegelstände am Pegel Große Weserbrücke/ heute Wilhelm-Kaisen-Brücke. Die Hochwasser des 17., 18. und 19. Jh. lagen um 1-2 m höher, als die heutigen Hochwasser.

null

Die Bedingungen sind heute also weitaus besser als zu Zeiten des letzten Deichbruches an der Wümme von 1880 und der letzten großen Überflutung von Bremen im Jahre 1880/81.

Anlage: Auch die Anzahl der Sturmfluten und deren Stärke an der Nordsee hat in den vergangenen 100 Jahren nicht zugenommen, wie die anliegende Abbildung für den Pegel Norderney zeigt. Der Meeresspiegel der Nordsee zeigt auch keinen beschleunigten Anstieg. In den letzten 100 Jahren ist ein Anstieg von 30 cm am Pegel Norderney zu verzeichnen. Das entspricht dem Anstiegsverhalten der letzten ca. 500 Jahre.

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Written by admin

Mittwoch, 8 Oktober, 2008 um 16:12

Veröffentlicht in Klimawandel, Nicht kategorisiert

7 Antworten

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  1. Hallo,

    Sie schreiben:

    „Der Meeresspiegel der Nordsee zeigt auch keinen beschleunigten Anstieg. In den letzten 100 Jahren ist ein Anstieg von 30 cm am Pegel Norderney zu verzeichnen. Das entspricht dem Anstiegsverhalten der letzten ca. 500 Jahre.“

    Haben Sie Daten für diese Behauptung? Das würde nämlich den Gesetzen der Physik widersprechen, jedenfalls so wie sie vom IPCC z.B. verstanden werden. Wenn die kleine Eiszeit belegt ist, dann jedenfalls für Mitteleuropa und sicherlich auch für die Nordsee. Ich kann mir kaum erklären, wieso der Meeresspiegel gerade in dieser Phase steigen sollte, bzw. er heute nicht viel schneller steigen müsste. Immerhin soll der aktuelle weltweite Meeresspiegelanstieg hauptsächlich von der thermalen Expansion herrühren. In der kleinen Eiszeit sollte er also gesunken sein?! Von den bedrohlichen Schneemassen, die sich damals auf Grönland ansammelten, ganz zu schweigen ;-)

    Zum Thema NICHTzunahme der Stürme in Europa gibt es eine Arbeit von Herr Von Storch.

    Liebe Grüsse

    Eddy

    Eddy

    Donnerstag, 9 Oktober, 2008 at 11:14

  2. Lieber Eddy.

    „Haben Sie Daten für diese Behauptung?“

    Siehe die anliegenden Abbildungen und den Beitrag von Dipl.-Met. Klaus Eckart Puls.


    http://www.klimaskeptiker.info/beitraege/puls_meeresspiegel.php

    „Immerhin soll der aktuelle weltweite Meeresspiegelanstieg hauptsächlich von der thermalen Expansion herrühren.“

    Das stimmt.

    „In der kleinen Eiszeit sollte er also gesunken sein?!“

    Ehe sich die Ozeane abkühlen/durchwärmen dauert es aber Jahrhunderte bis Jahrtausende. Nur die oberen winddurchmischten ca. 100m der Ozeane reagieren schnell auf Temperaturänderungen.

    „Von den bedrohlichen Schneemassen, die sich damals auf Grönland ansammelten, ganz zu schweigen“.

    Die machen damals und derzeit nur wenige cm am Weltmeeresspiegel pro Jh. aus.

    „Zum Thema NICHTzunahme der Stürme in Europa gibt es eine Arbeit von Herr Von Storch.

    Die kenne ich, aber danke für den Hinweis. Blogbeiträge finden sich dazu z.B. hier

    https://klimakatastrophe.wordpress.com/2008/03/22/zum-sturmindex-der-nordsee-werden-sturme-wirklich-haufiger/

    oder hier

    http://climatereview.wordpress.com/2008/02/29/haben-wir-ein-sturm-problem/

    Gruß

    Müller

    Donnerstag, 9 Oktober, 2008 at 14:31

  3. Hallo Herr Müller,

    Sie haben sehr interessante Links und Graphiken, die ich noch nicht kannte. Obschon ich selbst „Skeptiker“ bin, bin ich ein wenig skeptisch gegenüber Skeptikern… ;-) Ich kann z.B. die Co2-Messungen des Herrn Beck kaum nachvollziehen, oder vor allem seine Schlussfolgerungen.

    Ihre Beiträge hier gefallen mir aber sehr gut.

    Ich werde jetzt wohl öfter hier posten, wie auch z.B. auf den Scienceblogs. Dieser unnötige Streit zwischen „Skeptikern“ und Leuten, wie z.B. Herr Hoffmann ist mir manchmal unverständlich.

    Liebe Grüsse

    Eddy

    Eddy

    Freitag, 10 Oktober, 2008 at 08:47

  4. @Eddy
    #Ich kann z.B. die Co2-Messungen des Herrn Beck kaum nachvollziehen,#
    Beck hat nicht selbst gemessen, sondern 180 Jahre historische CO2 Messungen ausgwertet, analysiert, auf Fehler überprüft etc.

    krishnag

    Sonntag, 12 Oktober, 2008 at 14:56

  5. Hallo Krishnag,

    Es gibt Messungen aus hundertausenden Jahren von sehr vielen Wissenschaftlern. Wieso sollte gerade diese Grösse umstritten sein? Sogar Herr Veizer, der ja schon von Herr Rahmstorf als Klimaskeptiker gerügt wurde, hat an diesen Messungen nichts auszusetzen.

    Es gibt auch bei den Skeptikern Fehler, so wie auch bei den Konsensklimatologen. ;-)

    Liebe Grüsse

    Eddy

    Eddy

    Montag, 13 Oktober, 2008 at 11:39

  6. @Eddy
    ich verstehe den Vorwurf nicht so ganz, ich habe doch nur darauf hingewiesen, daß Beck nicht selbst gemessen hat, sondern „nur“ ausgewertet hat.
    Warum die von Rahmstorf und Co. so vehement bekämpft werden ist doch klar, sie passen in keinster weise in’s Konzept des AGW durch CO2.

    krishnag

    Montag, 13 Oktober, 2008 at 17:31

  7. @Eddy
    Nachtrag zu E. G. Beck:
    http://www.wissenslogs.de/wblogs/blog/klimalounge/medien-check/2008-08-25/treibhauseffekt-widerlegt/page/2#comment-5893
    und folgende mit einigen Erläuterungen durch Herrn Beck zu seinen Auswertungen.

    krishnag

    Montag, 13 Oktober, 2008 at 17:37


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