klimanews

Ein Umweltphysiker im Klimawandel

Die Alpengletscher und der Eismann Ötzi

with 3 comments

Wie ist es um die Gletscher der Alpen in Zeiten des Klimawandels bestellt? Dieser Frage möchte ich nachgehen. Hier einige Forschungsergebnisse.

Gletscher waren laut Tiroler Glaziologen früher deutlich kleiner

Der derzeitige Gletscherschwund ist nicht außergewöhnlich. Dies stellte der Tiroler Glaziologe Univ.-Prof. Gernot Patzelt am Freitag bei einer Pressekonferenz in Innsbruck fest. Die Gletscher seien früher deutlich kleiner gewesen. Nahe legen würden dies die Auswaschungen am Ende des größten österreichischen Gletschers, der Pasterze im Nationalpark Hohe Tauern. Die dort fließende Möll lege Torf und Latschen frei, was darauf schließen lasse, dass diese Stellen früher eisfrei gewesen seien.

„Der starke Gletscherrückgang ist kein Trauerspiel. Er gibt Hinweise auf die Klimavergangenheit und zeigt, dass die derzeitige Entwicklung an den Gletschern nichts Außergewöhnliches ist,“ sagte Patzelt bei der Präsentation des jährlichen Gletscherberichts des Österreichischen Alpenvereins. Die Wachstums- und Rückzugsphasen der Gletscher würden mit dem durch den Klimawandel bedingten kontinuierlichen Temperaturanstieg nicht übereinstimmen. Eine Prognose für die Zukunft wollte Patzelt nicht abgeben. „Man kann keine seriöse Wetterprognose abgeben, die mehr als vier Tage in die Zukunft reicht,“ meinte der Glaziologe.

Veröffentlichung

http://www.alpenverein.at/portal/Home/Downloads/Bergauf_2_08/Gletscherschwund.pdf

Ähnliches zeigt sich in der Schweiz und in den Westalpen.

Vor einigen Jahren hat der Steingletscher (im äußersten Osten des Kantons Bern der Schweiz gelegen) einen noch gut erhaltenen Arvenstamm (Arve = Zirbelkiefer, alpenländischer Nadelbaum) zu Tage gebracht. Zudem wurde festgestellt, dass unter dem Steinlimigletscher, einem Nachbargletscher bzw. Seitenarm des Steingletschers, Torfsedimente liegen. Der Arvenstamm wurde auf 4.920 +/- 60 Jahre (Klimaoptimum des Holozän) vor heute datiert und der Torf auf 2.100 +/- 50 Jahre (Klimaoptimum der Römerzeit) vor heute.

Der Unteraargletscher (ebenfalls im Kanton Bern der Schweiz gelegen) ist auch bekannt dafür, dass er immer wieder Torf und Holzstücke von Bäumen freigibt, die offenbar früher dort gewachsen sind, wo es heute noch Eis gibt.

Ähnliches gilt für den Tschiervagletscher im Bernina-Gebiet. Die Holzstücke können radiometrisch, z. T. sogar dendro-chronologisch datiert werden. Unter der Pasterze ist sogar ein Lärchenstamm „aufgetaucht“, der ein Alter von 600 Jahren erreicht hat, also 600 Jahre lang dort gewachsen ist, wo bis heute Eis liegt.

Die Fundorte von Hölzern und Torf reichen vom Engadin im Osten bis ins Unterwallis im Westen: Tschiervagletscher, Gletscher im Val Malenco, Fornogletscher, Steigletscher, Steilimigletscher, Oberaargletscher, Unteraargletscher, Riedgletscher, Glacier du Trient und Glacier du Mont Miné.

Veröffentlichung

http://alpen.sac-cas.ch/html_d/archiv/2004/200406/ad_2004_06_12.pdf

Die Torf- und Holzfunde konnten auf folgendes Alter datiert werden (siehe folgende Abbilung). Zu berücksichtigen ist dabei, dass Torf sich erst mit der Zeit bildet und jüngere Funde deshalb seltener sind.

Vergrößerung: Klick

Die Datierung (nach Jörin et al 2006) zeigt eine gute Übereinstimmung mit dem Temperaturverlauf des Holozän nach Dansgaard et al 1969 und Schönwiese 1995 (die kleinere Abbildung in der oberen linken Ecke der Abbildung).

Warmzeiten, in denen Pflanzen gewachsen sind, wo bis heute Gletscher sind, finden sich z.B. vor ca. 1.200 Jahren (Mittelalterliches Optimum), vor ca. 2.000 Jahren (Optimum der Römerzeit) und vor ca. 4.000-5.000 und 7.000 Jahren (1. und 2. Optimum des Holozän).

Das Klimaoptimum des Holozän war nicht auf den Alpenraum beschränkt, sondern kann auch in den Anden nachgewiesen werden. Prof. Lonnie Thomson hat in den Anden Pflanzenreste unter den Gletschern entdeckt, die über 5.000 Jahre alt sind, also Pflanzen, die dort gewachsen sind, wo heute Gletscher sind.

Ötzi hat vor etwa 5.300 Jahren gelebt, im Klimaoptimum des Holozän. Diese Warmzeit ist auf der Nordhalbkugel (Alpen) und der Südhalbkugel (Anden) durch die oben genannten Pflanzenfunde unter den Gletschern gut belegt. Zu dieser Zeit war die Sahara noch eine Savanne in der Ackerbau betrieben wurde. Die Wüstenbildung setzte am Ende des Klimaoptimums ein und ist bis heute fortschreitend. In der heutigen Warmzeit könnte die Sahara nach den Aussagen der Klimawissenschaftler aber wieder feuchter und grün werden, wie zu Zeiten des Holozän-Optimums.

Vor ca. 5.300 Jahren ist Ötzi auf einen Alpenpass am Similaun (beim Tisenjoch nahe dem Hauslabjoch in den Ötztaler Alpen oberhalb des Niederjochferner) in ca. 3.200 m Höhe gestorben und in einer Senke (Gletscher-Querrinne) eingeschneit. Dort hat er über 5.000 Jahre überdauert. Im Optimum der Römerzeit (vor ca. 2.000 Jahren) und in Optimum des Mittelalters (vor ca. 1.000-1.200 Jahren), mit ähnlichen hohen Temperaturen wie heute, wurde er nicht freigegeben, da sich offenbar keine größeren Mengen an Saharastaub auf den Gletschern abgelagert hatten.

Im März 1991 hatten Stürme feinsten ockerfarbenen Sand aus der Sahara bis in die Alpen geweht, welcher sich im Mai auf dem Similaun Gletscher ablagerte. Unter der Sommersonne schmolzen die mit diesem höchst wirksamen Lösungsmittel bestäubten Gletscher nur so dahin, mit bis zu 10 cm pro Tag. Allein in Tirol gab das vermeintlich ewige Eis ein halbes Dutzend Leichen frei, Ötzi als sechste am 19. Sep. 1991. Der Similaun Gletscher unterhalb der Ötzifundstelle ist heute noch vorhanden, wie das folgende Foto zeigt (Quelle: Wikipedia).

null

Vergrößerung: Klick

Advertisements

Written by admin

Montag, 8 September, 2008 um 13:02

Veröffentlicht in Klimawandel, Nicht kategorisiert

3 Antworten

Subscribe to comments with RSS.

  1. Toller Beitrag. Danke.

    MfG

    Schmidt

    Montag, 8 September, 2008 at 14:23

  2. Gut gemacht, Müller. Ein toller Artikel. Ich frag mich nur, wie das damals so warm… und dann wieder kalt… geht denn das, ganz ohne CO2?? ;-)

    MfG

    Wetterfrosch

    Montag, 8 September, 2008 at 21:25

  3. Eh cool Alder, da kann ich doch mal wieder was aus meiner reichhaltigen Sammlung zum besten geben, grins.

    „““Vor 18.000 Jahren – Die meisten Täler, so auch das Gasteinertal war zu dieser Zeit von Gletschern aufgefüllt. Nur die höchsten Gipfel und Grate ragten noch aus dem Eis, selbst die Woisgenscharte (2443 m) und der Mallnitzer-Tauern (2430 m) waren vom Eis überflossen. Als Talgletscher fließen sie entlang von Abgründen, als Kargletscher schmiegen sie sich in die Mulden der Berge, als Hängegletscher kleben sie über Abgründe….
    Um 7000 – 1000 v. Chr. – folgte eine Wärmezeit mit entsprechendem Rückgang der Gletscher. Es soll dabei wärmer als heute gewesen sein und die Waldgrenze stieg bis auf 2.300 m; Zirben waren gar noch auf 2.600 m zu finden. In dieser Zeit kam es auch zu – Moorbildungen – wie sie heute noch am – Kühkar – bestehen.““““
    http://gastein-im-bild.info/oeko/oeiszeit.html

    Holz und Torffunde als Klimaindikatoren
    http://alpen.sac-cas.ch/html_d/archiv/2004/200406/ad_2004_06_12.pdf

    „“““Prähistorische Kleidungsstücke aus Leder und Bast, ein Köcher und Pfeile, bronzene Gewandnadeln und römische Schuhnägel: Seit dem Hitzesommer 2003 gab ein namenloses Eisfeld zwischen dem grossen Hauptgletscher des Wildhorns und dem Schnidejoch für die Schweiz einmalige, vor- und frühgeschichtliche Funde ab dem dritten Jahrtausend vor Christus frei.“““
    http://www.raonline.ch/pages/edu/nat/glacier06a1.html

    Jaja, unser Klima ist einmalig, nie dagewesen und unerreicht, wer einen besseren Witz auf Lager hat, raus damit, grins

    MfG

    Energie-Ossi

    Montag, 8 September, 2008 at 22:16


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: