Archiv für März 28th, 2009
Beschleunigt sich der Meeresspiegelanstieg? – Teil3
Der wechselhafte Meeresspiegel der Nordsee
Für die Rekonstruktion früherer Meeresspiegelstände sind vor allem die organischen Schichten der holozänen (nacheiszeitlichen) Sedimentfolgen von Bedeutung. Subrezente Watt- und Salzwiesenhorizonte (schichtweise Ablagerungen) die an Stränden (z.B. denen der Ostfriesischen Inseln) erosiv (durch Abtragung) freigelegt wurden, ermöglichen die nahezu lückenlose Rekonstruktion der Wasserstandsentwicklung. Auch Nordsee-Bohrkerne lassen eine Rekonstruktion/Datierung zu. Zur Bestimmung des Ablagerungsmilieus werden Pollen-, Diatomeen- (Kieselalgen) und Makrorestanalysen (z.B. von Früchten, Samen, Blättern, Blüten etc.) angewendet, die zeitliche Einstufung der einzelnen Horizonte erfolgt mittels Radiokarbondatierungen, die sowohl an pflanzlichem Material als auch an Schnecken und Muscheln durchgeführt werden.
Zum Ablauf der nacheiszeitlichen Entwicklung im deutschen Nordseesektor gibt es mehrere Publikationen (BEHRE & MENKE 1969, MENKE 1976, LUDWIG et al. 1979, BEHRE et al. 1984, STREIF 1990, CASPERS et al. 1995, BEHRE 2003). Sie belegen für die Zeitspanne von 8600 bis 7100 J.v.h. einen raschen Meeresspiegelanstieg mit einer durchschnittlichen Anstiegsrate von 2,1 m pro 100 Jahre (Radiokarbon-Datierte-Jahre). Beim weiteren Steigen der Nordsee um ca. 25 m (zwischen ca. 7500 J.v.h. bis heute) entwickelte sich die heutige Küstenlandschaft mit den Barriereinseln (vorgelagerten Inseln), Watten und Marschen.
Der Schichtenaufbau des Küstenraumes zeigt einen charakteristischen Wechsel transgressiver und regressiver Phasen (von Ablagerung und Abtragung). Eine z.T. intensive Verzahnung von Torfen mit klastischen Sedimenten (Sanden) ist das Indiz dafür, dass sich die Grenzen des marin beeinflussten bzw. des limnisch-semiterrestrischen Milieus (die Küstenlinie) im Verlauf der letzten 7500 Jahre wiederholt um einige Kilometer land- bzw. seewärts verschoben haben. Überflutungen erreichten dabei ihre Höhepunkte um 6800 J.v. h., 5500 J.v. h., 4200 bis 3400 J.v.h., um 1800 J.v. h. sowie im Mittelalter. Zu weitflächigem und überregional annähernd gleichzeitigem Moorwachstum (durch Rückzug des Meeres) ist es zwischen 4800 und 4200 J.v.h. bzw. 3300 und 2300 J.v.h. gekommen; weitere kleinflächige Vermoorungen sind um 2000 bis 1800 J.v.h. bzw. 1600 J.v.h. einzustufen. (CASPERS et al. 1995).
Diverse Untersuchungen (BEHRE & STREIF 1980, STREIF 1982, BEHRE 1986, STREIF 1990, CASPERS et al. 1995) haben sich mit den Zusammenhängen zwischen Meeresspiegelschwankungen und Phasen transgressiver bzw. regressiver Küstenentwicklung befasst. Im Hinblick auf Höhenänderungen des Meeresspiegels vermitteln die geologischen Befunde aus den Watten und Marschen das Bild eines nacheiszeitlich, generell ansteigenden Meeresspiegels, wobei sich die Anstiegsrate ab ca. 6500 J.v. h. allmählich verringert. Dabei ist ein zyklischer Wechsel von Phasen mit verlangsamtem bzw. beschleunigtem Ansteigen des Meeresspiegels zu erkennen.
Das Subatlantische Pessimum (ca. 3150-2500 J.v.h.) brachte z.B. kalte Temperaturen mit sich (nach LAMB, 1977 lagen die Temperaturen ca. -2°C unter den heutigen). Zudem gibt es Anzeichen für mehr Niederschläge in dieser Zeit (siehe LAMB, 1977 und FAIRBRIDGE, 1987). Demzufolge beschreibt LOZAN, 1998 ein Anwachsen der Gletscher und FREUND & STREIF, 2000 einen Meeresspiegelabfall der Nordsee.
Um 460 J.v. h. (cal. 1410–1465 n. Chr.) kommt es (den Sedimenthorizonten nach) auf Borkum, Memmert und Juist zu einem Absinken des Meeresspiegels, was vermutlich auf die beginnende Klimaverschlechterung der Kleinen Eiszeit zurückzuführen ist. Auf Juist gibt es einige Hinweise dafür, dass der Meeresspiegel in dieser Phase um 60-120 cm abgesunken sein könnte.
FREUND & STREIF (1999 bzw. 2000) Kommen zu den Schluss: „Vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussion um Klimaveränderungen und Meeresspiegelanstieg lässt sich festhalten, dass es in den vergangenen 2000 Jahren natürliche, vom anthropogenen Treibhauseffekt völlig unbeeinflusste Änderungen des MThw gegeben hat, deren Ausmaß den heute prognostizierten Zahlen entspricht. Die Ostfriesischen Inseln als solche waren dabei aber nie in ihrem Bestand gefährdet, obgleich es natürlich zu tief greifenden Veränderungen der Inselgestalt oder wie bei der Insel Buise auch zum Untergang einer Insel kam. Um verlässliche Prognosen in die Zukunft zu stellen, ist es daher wichtig, die Klimaänderungen der jüngsten geologischen Vergangenheit genau zu kennen und deren Auswirkungen auf das MThw zu erfassen.“
Literaturverzeichnis in der oben genannter Reihenfolge
BEHRE, K.-E., & B. MENKE (1969): Pollenanalytische Untersuchungen
an einem Bohrkern der südlichen Doggerbank.
Dt. Akad. Wiss. Berlin, Beiträge zur Meereskunde, 24/25:
122 – 129. Berlin.
MENKE, B. (1976): Befunde und Überlegungen zum nacheiszeitlichen
Meeresspiegelanstieg (Dithmarschen und Eiderstedt,
Schleswig-Holstein). Probl. Küstenforsch. südl. Nordseegebiet,
11: 145 – 161. Hildesheim.
LUDWIG, G., MÜLLER, H., & H. STREIF (1979): Neuere Daten zum
holozänen Meeresspiegelanstieg im Bereich der Deutschen
Bucht. Geol. Jb., D 32: 3 – 22. Hannover.
BEHRE, K.-E., DÖRJES, J., & G. IRION (1984): Ein datierter Sedimentkern
aus der Nordsee. Probl. Küstenforsch. südl.
Nordseegebiet, 15: 135 – 148. Hildesheim.
STREIF, H. (1990): Quaternary sea-level changes in the North
Sea, an analysis of amplitudes and velocities. In: BROSCHE, P.,
& J. SÜNDERMANN [Eds.]: Earth’s Rotation from Eons to Days.
Berlin [u. a.], 201 – 214.
STREIF, H. (1990): Das Ostfriesische Küstengebiet – Nordsee,
Inseln, Watten und Marschen. Sammlung Geologischer Führer,
57. Berlin und Stuttgart.
CASPERS, G., JORDAN, H., MERKT, J., MEYER, K.-D., MÜLLER, H.,
& H. STREIF (1995): III Niedersachsen. In: BENDA, L. [Hrsg.]:
Das Quartär Deutschlands. Berlin und Stuttgart, 23 – 58.
EISMA, D., MOOK, W. G., & C. LABAN (1981): An early Holocene
tidal flat in the Southern Bight. Spec. Publ. int. Ass. Sediment.,
5: 229 – 237. Oxford.
BEHRE, K.-E., Probleme der Küstenforschung, Bd.28, Isensee-Verlag, Oldenburg, 2003
BEHRE, K.-E., & H. STREIF (1980): Kriterien zu Meeresspiegel und
darauf bezogenen Grundwasserabsenkungen. Eiszeitalter
und Gegenwart, 30: 153 – 160. Hannover.
STREIF, H. (1982): The occurrence and significance of peat in the
Holocene deposits of the German North Sea coast. ILRI Publication
30, Proceed. of the Symposium on Peat Lands
below Sea Level: 31 – 41. Wageningen.
BEHRE, K.-E. (1986): Meeresspiegeländerungen und Besiedlung
während der Zeit um Christi Geburt in den Nordseemarschen.
Offa, 43: 45 – 53. Neumünster.
LAMB, H.H. (1977): Climate: Present, past and future. Methuen & Co Ltd., London, pp 423-461.
FAIRBRIDGE, R.W. (1987): Climate variation, historic record. In: Oliver, J.E. an Fairbridge, R.W. (eds.): The Encyclopedia of Climatology. Van Nordsrand Reinhold Company, New York, pp. 305-319.
LOZAN, J.L. (1998): Einfluß des Klimas auf die Kulturgeschichte der Menschheit. In:Lozan, J.L., Graßl, H. and Hupfer, P. (eds.): Warnsignal Klima. Wissenschaftliche Fakten. Wissenschaftliche Auswertungen, GEO, Hamburg, pp. 82-89.
FREUND, H. & STREIF, H. (1999 bzw. 2000):
Natürliche Pegelmarken für Meeresspiegelschwankungen der letzten 2000 Jahre
am Beispiel der Insel Juist.
– Petermanns Geographische Mitteilungen, 143, 34-45.
FREUND, H. & STREIF H. (2000): Natural sea-level indicators recording the fluctuations of the mean high tide level of the Southern North Sea. – Wadden Sea Newsletter, 2, 16-18.

